Er wusste, was die vielen Angaben unten auf den Straßenkarten bedeuten und hielt die Karten immer so, dass Norden oben ist. Für Una war oben dort, wo sie hin wollte. Zumeist endete es darin, dass Mono die Navigation übernahm. Oder das Reparieren von Dingen.
Mono konnte zwischen Währungen hin- und her rechnen. Una fragte einfach den Kellner. Mono wusste, wie viele Kilometer er noch fahren konnte, wenn der Tank auf Reserve stand. Una hingegen blieb gelegentlich mit leerem Tank am Straßenrand stehen, musste aber nie lange warten, bis ihr ein Mann half.
Mono liebte Geräte zum Messen und Rechnen. Er wusste, wie viele Liter in der Gallone sind und wie viele Inch ein Fuß hat und was das in Zentimeter bedeutet. Una allerdings wusste immer genau, wie viel sie wog, ob in Kilo, Pounds oder Stone.
Zahlen hatten für Mono etwas kabalistisch-magisches. Sie waren abstrakt, ließen sich aber genau darstellen. Ob Höhenlinien auf Landkarten, die Untiefen im Meer oder die Länge der Skala am Barometer: Zahlen hatten Bedeutung und ihre Darstellung hohen grafischen Reiz. Und mit seinem Einstecktuch und Schal mit Skala darauf konnte er notfalls auch prüfen, ob eine Speisekarten größer als Din A4 war, welche Höhe Unas Absätze hatten oder was sonst noch für die Vermessung der Welt von Bedeutung war.

Nachdem sie sich an die Ruhe in dem Raum gewöhnt hatten, stellten sie fest, dass es nicht ganz still war. Wenn der Pinsel das Papier berührte und in langen, gleichmäßigen Schwüngen darüber streifte, gab es ein Geräusch. Mit der Länge des Schwungs änderte sich der Klang. Anfangs, wenn der Pinsel noch satt voller Farbe war, hörte man kaum etwas. Aber mit der Fortsetzung der Bewegung wurde das Geräusch deutlicher. Am Ende eines jeden Schwungs nahm es an Intensität zu. Die festen Borsten des breiten Pinsels erzeugten ein kratzendes Geräusch. Dazwischen immer wieder das leise Aufsetzen seiner Füße auf dem Steinboden vor seinem großen Maltisch. Der große Papierbogen lag lose darauf und wellte sich immer stärker, je mehr Farbe der Pinsel darauf hinterlassen hatte.

Es war eigentümlich, der Entstehung eben solcher Bilder beizuwohnen, die sie einige Tage zuvor in der Galerie an den Wänden hatten hängen sehen. Dort waren sie statisch. Je nach Motiv archaisch und stark, wenige breite Pinselstriche. Andere leichter, schmalere Striche, sich abschwächende Verläufe. Nun aber veränderte sich die Perspektive auf die Werke. Die statische Flächenaufteilung auf einem großen Bogen Papier war das Ergebnis dynamischer Aktivität. Es waren gefrorene Bewegungen.
Wie gebannt waren Una und Mono diesem Schauspiel gefolgt. Sie hätten nicht sagen können, wie lange sie dort an der Tür gestanden hatten. Nachdem sie sich zunächst in vollkommener Faszination nur auf die Bearbeitung des Papiers konzentriert hatten, ließen sie nun ihre Blicke im gesamten Atelier schweifen. Ein großer, hoher Raum mit einer durchgehenden Fensterfront nach Norden. Gleichmäßiges, weiches Licht stattete alle Objekte mit einer unwirklichen Aura aus. Ganz in der Ferne hörten sie nun auch die Geräusche der Stadt und erinnerten sich daran, dass sie noch in New York waren.
„Wie lange steht Ihr schon da und beobachtet mich?”, seine Stimme zerschnitt unerwartet aber ohne jede Schärfe die geräuschvolle Ruhe seines Ateliers. Mit ausgebreiteten Armen kam er auf sie zu. „Una, Mono, wie schön, dass Ihr wirklich gekommen seid!” Sie umarmten sich herzlich, denn mit Mono verband ihn eine lange Freundschaft. Und Una gehörte nun dazu.

Ein heißer Sommertag im August, draußen zu heiß und innen zu kalt – es war voll, wie überall in dieser großen engen Stadt. Una wollte einfach nur einen Kaffee trinken und dabei lesen. Das einzige „nette Café”, das sie nach zwei Stunden Suche finden konnte, war überfüllt. Vor dem Laden stand schon eine kleine Menschentraube. Dann muss es wohl gut sein. Sie stellte sich an und rechnete damit länger zu warten, da kam eine junge Kellnerin auf sie zu. „Okay to share?” „Yes.” Sie wollte raus aus der schwülen Hitze ins artifiziell Kühle. Una wurde ins Innere des Lokals geführt und an einen Tisch gebracht, an dem bereits ein Mann saß. Ein Westler. Das hätte sie sich auch vorher denken können… Sie bestellte.
Er erkannte sie an ihrem Akzent und sie erkannte ihn an seinem breiten Grinsen. In Hong Kong trafen sich Una und Mono zum ersten Mal.
Mono reiste allein, um sich selbst zu entdecken und um sich besser kennen zu lernen. Es war die erste Reise, die er allein antrat und er suchte sich als Reiseziel Hong Kong aus. Eine Mega-Stadt in Asien, von der er nicht viel wusste. Eine Stadt mit so vielen Menschen, in der man sich bestimmt nicht einsam fühlen kann. Hier in der exotischen Fremde hoffte er neue Begegnungen zu haben. Die größte davon sollte die Begegnung mit sich selbst sein.
Es war der letzte Tag seiner Reise. Ein heißer sonniger Tag im August. Er setzte sich in ein Kaffee, um Menschen zu beobachten. Nicht lange hatte er einen Tisch für sich allein. Da wurde eine junge westliche Frau an seinen Tisch gebracht. Die Kellnerin fragte aus reiner Formalität „Okay to share?”. „Yes.”
Er glaubte nicht an Schicksal. Doch er ließ sich gerne vom Gegenteil überzeugen. Er beobachtete nun nicht die exotisch fremde Menschenmasse, sondern seine Tischnachbarin, deren Züge ihm vertraut und doch neu erschienen. Er wagte den ersten Schritt und sprach sie an. Er stellte sich vor.
Es war genau das, was Una befürchtet hatte. Ein interessierter Tischnachbar aus der Heimat. Zunächst antwortete sie nur auf seine Fragen. Bald merkte sie jedoch, dass jemand sich seit vielen Monaten das erste Mal für sie interessierte. Er schien ein guter Beobachter zu sein und darüber hinaus ein guter Erzähler. Mono beschrieb sein Staunen über diese surreale Großstadt. Die vielen Menschen. Das Labyrinth aus Hochhäusern, das sich dem Himmel entgegenstreckt.
Una hatte sich bisher eher außerhalb des urbanen Lebens bewegt, in der Natur. Fernab von den Shoppingmalls hatte sie die Berge erkundet, Spaziergänge am Meer gemacht und der Sonne und dem Regen getrotzt. Mono nahm Unas Wandel während des Gesprächs wahr. Während sie zunächst nur aus Höflichkeit auf seine Fragen geantwortet hatte, schien sie sich im Laufe des Gesprächs umentschieden zu haben. Sie erzählte nun lebendig von ihrem Hong Kong.
Im Gespräch erkundeten und entdeckten sie noch einmal gemeinsam die Stadt. Sie ergänzten ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen durch die Sichtweise des anderen. Die Zeit flog und sie wollten sie gerne festhalten. Die Kaffee-Zeit war vorbei und so gingen sie zusammen zum Dim Sum Restaurant. Eines dieser Restaurants, bei denen die Bestellung nur über Schriftzeichen zum Ankreuzen lief. Beide hatten sich dies noch nicht getraut. Sie kreuzten auf den Zettel ein Muster an und dachten dabei an einen Lottoschein. Zwei Schlucke Tee wurden in ihre Becher gefüllt, sobald sie nur einen nahmen. Sie befanden sich in der Stadt die niemals schweigt und so war es auch in diesem Lokal laut und hektisch. Doch an diesem Abend störte es sie nicht. Das Kantonesisch der Nachbartische war lediglich eine Geräuschkulisse ihrer Unterhaltung. Eine akustische Ortsangabe ihrer Begegnung.
Es war Monos letzter Abend in Hong Kong. Der erste Flieger kurz nach Mitternacht sollte ihn zurück nach Hause bringen. Sie verabredeten sich mit Dim Sum und Schmetterlingen im Bauch. Keine Nummern tauschten sie aus, nur einen Ort und eine Zeit vereinbarten sie für eine nächste Begegnung in einer anderen Stadt, in einer anderen Zeitzone.

Dort, wo sie die Treppe des Kunsthauses mit vielleicht ein paar wenigen Wartenden und Besuchern zu finden geglaubt hätte, sah sie eine enorme Menschenmasse. Sie umringte das gesamte Gebäude und drängte sich auch noch davor auf der Straße. Wie sollte sie in diesem Chaos nur Mono finden, mit dem sie verabredet war? Sie wollte schon zum Telefon greifen, um ihn anzurufen und einen anderen Ort vorzuschlagen, denn sie war etwas vor der Zeit. Früh genug, um ihren Plan noch zu ändern. Während ihrer Überlegungen war sie weiter geschlendert und hatte sich dem Komplex und der Menschenmenge genähert. Was sich nun Schritt für Schritt ihren Blicken darbot, war durchaus unerwartet. Nicht nur, dass die Menge fast wie einer Prozession gleich mit erheblicher Dynamik um das gesamte Gebäude pilgerte – auch waren ganz eigentümlich gekleidete Gestalten darunter – Hüte wurden getragen, Kleider und Fräcke. Ihre Neugierde war geweckt und Una näherte sich weiter. Auf den ersten Blick hätte es eine Hochzeitsgesellschaft sein können, bei genauerer Betrachtung aber wirkten die Figuren wie aus der Zeit gerissen und auch ihre grotesk anmutende Parade wollte keinen Sinn ergeben. Bärte, Gehröcke, Zylinder und Abendroben – ein seltsamer Reigen. Je näher Una kam, umso mehr nahm die Dichte der Eindrücke sie gefangen. Ein Murmeln, das Klackern hunderter Absätze auf dem Pflaster, Rufe, Lachen, ein Schwirren und Sirren, ein Sog ging davon aus gleich einem starken Strudel. Una war gebannt und bewegte sich schlafwandlerisch immer weiter auf die Menge hinzu. Halb zog es sie, halb schritt sie hin und ward nicht mehr gesehen.

Sein Herz raste nun schon beinahe und er war nicht sicher, was das Klopfen mehr beschleunigte – sein rastloses Laufen zwischen all diesen eigentümlich springenden und tanzenden Gestalten, das schlicht kein Stillstehen zuließ, oder die unglaublichen Bilder, die sich von Moment zu Moment verdichteten. Hatte Mono sich anfangs noch belustigt einer historischen Kostümgesellschaft anzuschließen geglaubt, so stockte ihm der Atem angesichts einiger verstörender Erscheinungen. Figuren, die ihm aus seiner Lektüre über das berühmte Fries der Secession nur zu bekannt erschienen. Manches der Gesichter war als Maske zu entlarven, bei einigen allerdings waren ernsthafte Zweifel angebracht. Und viel schlimmer: wo war Una?

Das hier war definitiv der falsche Ort, um einander zu treffen. Hinaus, hinweg von hier! Aber dieser Reigen entwickelte trotz seiner dynamischen Drehbewegung keinerlei Fliehkräfte, ganz im Gegenteil, ein Entkommen war ganz und gar unmöglich. Sobald er sich von einer Figur abwendete, hakte sich eine andere unter und zog ihn zur Mitte hin. Wie Derwische tanzten sie um ihn, mit ihm oder er mit Ihnen? Mono war zu keinem klaren Gedanken mehr imstande. Unfassbar war das alles und doch nicht angsteinflößend. Es hatte etwas vollkommen Unglaubliches und erschien doch zugleich ganz natürlich. So war es nur noch eine Frage von Augenblicken, bis er in tanzender Umarmung als Teil einer merkwürdigen Versammlung in die Secession eintauchte. Hineingesogen in das seltsame Treiben, selbst Teil des Kreises dieser sagenhaften Gestalten geworden, nahm es kaum mehr Wunder, auch die Skulpturen und Bilder des Hauses sich lebhaft in die Parade einreihen zu sehen. Er taumelte, sprang und lief weiter und weiter und verschwand endgültig in der wogenden Menge.

Stille. Zum ersten Mal Stille. Und Stillstehen. Endlich – seit vollkommen unbestimmter Zeit. Wie das Erwachen aus einem Traum – nun war alles gut. Wie sie sich gefunden hatten und warum sie gemeinsam zwischen den Blättern und Blüten standen, war ganz unbedeutend. Es war ruhig, die Luft mild und das Licht weich. In ihren Köpfen noch ein leichtes Rauschen wie eben nach einem Fest mit zu lauter Musik. Ein Nachklingen des Phantastischen, das sich jedem Erzählen entzogen hätte. Zu unglaublich wäre es gewesen und selbst der eigenen Erinnerung war kaum zu trauen. Was auch immer es war – der Besuch dieses berühmten Gebäudes war auf seine Weise zur Secession vom Realen geworden.

Aber Una hatte darauf bestanden und so hatte er keine Wahl gehabt. Auf seinem Rückflug von Hong Kong blieb genug Zeit, über all das zu sinnieren. Traurig im Glück der Begegnung zu schwimmen, Gedanken zu ordnen und Gefühle zu interpretieren. Es hatte Tage gedauert, bis sich Mono endlich einen Reim darauf machen konnte. Una war allein gereist. Allein aus bewusster Entscheidung. Sie hatte Dinge ordnen wollen, die es zu ordnen galt. Ganz im Gegenteil zu ihm war sie nicht in der heimlichen Erwartung einer Begegnung gereist. Der Begegnung. Daher konnte sie auch wieder loslassen, musste sie das tun, um ihrer Reise den eigentlichen Sinn zu geben. So konnte er es denn ertragen und seine nagende Sorge beruhigen. Unawar zufrieden mit dem Abend. Nun endlich gegen Ende ihrer Reise ganz eins mit sich geworden. Eine Begegnung, ja, vielleicht sogar die Begegnung. Und sie war gegangen mit nicht mehr als einem Ort und einer Zeit. Ein Triumph über ihren eigenen inneren Reflex, vermeintliche Sicherheit mit der Zahlenfolge einer Telefonnummer zu schaffen. Sie würden sich wiedersehen. Das war klar. Und es würde ein Fest werden. So sollte es sein. Sie hatten einen Abend geredet und kannten sich dennoch eigentlich nicht. Daher musste ein fulminanter Hintergrund für gemeinsame Erlebnisse her. Und ein Ort, der notfalls die Enttäuschung lindern könnte, wenn Mono nun doch nicht rechtzeitig auf den Plan träte, wenn die Intuition doch trügerisch gewesen wäre. „If I can make it there, I’ll make it anywhere” – genau das musste es sein. New York! Entweder die Bühne für ein Fest oder der Hintergrund für den Blues.
Die Verabredung zum Gallery Opening an diesem Abend war durchaus nicht zufällig entstanden. Der Abend in Hong Kong war viele tausend Worte lang gewesen, Assoziationen flogen, Worte lösten Bilder, Bilder neue Worte aus. Wie gebannt waren sie beide einander gefolgt und gemeinsame Leidenschaften waren schnell zutage getreten. Kunst war beiden ein Lebenselixier. Andererseits hatten sie jeder schon zu viel gesehen, um begeistert zu sein, nur weil etwas mit dem Siegel „Kunst” versehen war. Umso spannender klang Monos Erzählung von einer Galerie, die allein Illustrationen und Skulpturen zeigen würde. Der perfekte Ort für ein Blind Date, das viel mehr als das sein würde. Konnte man eine zweite Begegnung überhaupt zu einem Blind Date erklären? Andererseits war dieses zweite Zusammentreffen die erste wirkliche Verabredung. Also hatten sie es dabei belassen.
Schon auf der Straße vor der Galerie herrschte eine ganz besondere Atmosphäre. Allerdings war es unmöglich zu sagen, ob das an dem Ort selber lag oder daran, wozu er ausgewählt worden war: die Leinwand zu sein für ein gemeinsames Gemälde in kraftvollen Farben. Die Frage war, ob dieses Gemälde den Skizzen endloser Projektionen in den Tagen davor standhalten würde. Aber vor dieser sorgensehnsuchtsvoll erwarteten Antwort stand das Eintauchen in den Moment. Hipstermenschenmenge, Stadtgeräuschemusikstimmengewirr, Modebilderskulpturenprojektionengeflacker, Bewegungstreibengeschwirrgroßstadtdynamik. Und dann dieser Moment. Herzschlagentdeckenerschreckenbegegnung. Una. Mono.
Der Rausch aus Bildern, Worten, Erlebnissen, Erzählungen kam erst am zweiten Ort ihres zweiten gemeinsamen Abends langsam wieder in einen Rhythmus, dem irgendein anderer als Una und Mono selber hätte folgen können. Mittlerweile waren sie im lukullischen Epizentrum New Yorks gelandet. Das Restaurant war die Eröffnung des Monats, gesucht, gebucht wie kein zweiter Platz in der Stadt. Wie sie es an der Schlange, der Tür vorbei geschafft hatten, war nicht mit Argumenten, sondern nur mit ihrem Strahlen zu erklären, das ihnen an diesem Abend jegliche Tür geöffnet hätte. Sie waren das Paar der Paare. Also gehörte ihnen dieser Ort der Orte auf ganz natürliche Weise. Ob die Cocktails und Speisen wirklich so gut waren, wie sie ihnen schmeckten, war in gleichem Maße einerlei wie unmöglich zu entscheiden. Barkeeper, Kellner und Sommeliers schienen nur um sie zu kreisen, was wahrscheinlich ein wenig auch so war. In ihrer Welt gab es in diesen Stunden schlicht keine andere Möglichkeit.
Die Stadt hatte sich als die einzig Richtige für dieses Treffen erwiesen, sie hielt Stand und sie tat es mit Leichtigkeit. Der Abend konnte an keinem anderen Ort ausklingen als im Central Park. In manchen Momenten ist Kitsch keine Kategorie. Ein Pferdekutsche ist einfach nur eine Pferdekutsche. Und sie ist das einzig denkbare Gefährt in diesem Augenblick. So war es nun – der perfekte Moment. Bäume, Häusersilhouetten, Flaneure und Radfahrer zogen an ihnen vorbei und bildeten die Kulisse zum Wunder dieses Abends. Der Beginn einer langen gemeinsamen Reise.