David Kuntzsch: Gefrorene Bewegung

Er tanzte. Nicht im eigentlichen Sinne, denn es war still. Aber brauchte es wirklich Musik für einen Tanz? Seine Bewegungen waren leicht und behände. Zügig aber ohne Hast. Konzentriert. Seine Arme bewegten sich ausholend aber vollkommen kontrolliert in raumgreifenden Schwüngen. Er war auf die Fläche vor seinen Augen fokussiert. Trotz seiner dynamischen Bewegungen ruhte er in sich.
Nachdem sie sich an die Ruhe in dem Raum gewöhnt hatten, stellten sie fest, dass es nicht ganz still war. Wenn der Pinsel das Papier berührte und in langen, gleichmäßigen Schwüngen darüber streifte, gab es ein Geräusch. Mit der Länge des Schwungs änderte sich der Klang. Anfangs, wenn der Pinsel noch satt voller Farbe war, hörte man kaum etwas. Aber mit der Fortsetzung der Bewegung wurde das Geräusch deutlicher. Am Ende eines jeden Schwungs nahm es an Intensität zu. Die festen Borsten des breiten Pinsels erzeugten ein kratzendes Geräusch. Dazwischen immer wieder das leise Aufsetzen seiner Füße auf dem Steinboden vor seinem großen Maltisch. Der große Papierbogen lag lose darauf und wellte sich immer stärker, je mehr Farbe der Pinsel darauf hinterlassen hatte.
Es war eigentümlich, der Entstehung eben solcher Bilder beizuwohnen, die sie einige Tage zuvor in der Galerie an den Wänden hatten hängen sehen. Dort waren sie statisch. Je nach Motiv archaisch und stark, wenige breite Pinselstriche. Andere leichter, schmalere Striche, sich abschwächende Verläufe. Nun aber veränderte sich die Perspektive auf die Werke. Die statische Flächenaufteilung auf einem großen Bogen Papier war das Ergebnis dynamischer Aktivität. Es waren gefrorene Bewegungen.
Wie gebannt waren Una und Mono diesem Schauspiel gefolgt. Sie hätten nicht sagen können, wie lange sie dort an der Tür gestanden hatten. Nachdem sie sich zunächst in vollkommener Faszination nur auf die Bearbeitung des Papiers konzentriert hatten, ließen sie nun ihre Blicke im gesamten Atelier schweifen. Ein großer, hoher Raum mit einer durchgehenden Fensterfront nach Norden. Gleichmäßiges, weiches Licht stattete alle Objekte mit einer unwirklichen Aura aus. Ganz in der Ferne hörten sie nun auch die Geräusche der Stadt und erinnerten sich daran, dass sie noch in New York waren.
„Wie lange steht Ihr schon da und beobachtet mich?”, seine Stimme zerschnitt unerwartet aber ohne jede Schärfe die geräuschvolle Ruhe seines Ateliers. Mit ausgebreiteten Armen kam er auf sie zu. „Una, Mono, wie schön, dass Ihr wirklich gekommen seid!” Sie umarmten sich herzlich, denn mit Mono verband ihn eine lange Freundschaft. Und Una gehörte nun dazu.