Rafael Alvarez: If we can make it there...

Sie hatten keine Nummern ausgetauscht. Nur einen Ort und eine Zeit für ihre nächste Begegnung verabredet. In einer anderen Stadt, in einer anderen Zeitzone. Als sie so auseinandergingen, ergab es für Mono keinen Sinn. Warum sollten sie nach einem so wunderbaren Nachmittag, nach einem Abend, der für ihn zweifelsohne unvergesslich bleiben würde, sich nun voneinander abwenden, ohne sich jederzeit erreichen zu können? Aber Una hatte darauf bestanden und so hatte er keine Wahl gehabt. Auf seinem Rückflug von Hong Kong blieb genug Zeit, über all das zu sinnieren. Traurig im Glück der Begegnung zu schwimmen, Gedanken zu ordnen und Gefühle zu interpretieren. Es hatte Tage gedauert, bis sich Mono endlich einen Reim darauf machen konnte. Una war allein gereist. Allein aus bewusster Entscheidung. Sie hatte Dinge ordnen wollen, die es zu ordnen galt. Ganz im Gegenteil zu ihm war sie nicht in der heimlichen Erwartung einer Begegnung gereist. Der Begegnung. Daher konnte sie auch wieder loslassen, musste sie das tun, um ihrer Reise den eigentlichen Sinn zu geben. So konnte er es denn ertragen und seine nagende Sorge beruhigen.
Una war zufrieden mit dem Abend. Nun endlich gegen Ende ihrer Reise ganz eins mit sich geworden. Eine Begegnung, ja, vielleicht sogar die Begegnung. Und sie war gegangen mit nicht mehr als einem Ort und einer Zeit. Ein Triumph über ihren eigenen inneren Reflex, vermeintliche Sicherheit mit der Zahlenfolge einer Telefonnummer zu schaffen. Sie würden sich wiedersehen. Das war klar. Und es würde ein Fest werden. So sollte es sein. Sie hatten einen Abend geredet und kannten sich dennoch eigentlich nicht. Daher musste ein fulminanter Hintergrund für gemeinsame Erlebnisse her. Und ein Ort, der notfalls die Enttäuschung lindern könnte, wenn Mono nun doch nicht rechtzeitig auf den Plan träte, wenn die Intuition doch trügerisch gewesen wäre. „If I can make it there, I’ll make it anywhere” – genau das musste es sein. New York! Entweder die Bühne für ein Fest oder der Hintergrund für den Blues.
Die Verabredung zum Gallery Opening an diesem Abend war durchaus nicht zufällig entstanden. Der Abend in Hong Kong war viele tausend Worte lang gewesen, Assoziationen flogen, Worte lösten Bilder, Bilder neue Worte aus. Wie gebannt waren sie beide einander gefolgt und gemeinsame Leidenschaften waren schnell zutage getreten. Kunst war beiden ein Lebenselixier. Andererseits hatten sie jeder schon zu viel gesehen, um begeistert zu sein, nur weil etwas mit dem Siegel „Kunst” versehen war. Umso spannender klang Monos Erzählung von einer Galerie, die allein Illustrationen und Skulpturen zeigen würde. Der perfekte Ort für ein Blind Date, das viel mehr als das sein würde. Konnte man eine zweite Begegnung überhaupt zu einem Blind Date erklären? Andererseits war dieses zweite Zusammentreffen die erste wirkliche Verabredung. Also hatten sie es dabei belassen.
Schon auf der Straße vor der Galerie herrschte eine ganz besondere Atmosphäre. Allerdings war es unmöglich zu sagen, ob das an dem Ort selber lag oder daran, wozu er ausgewählt worden war: die Leinwand zu sein für ein gemeinsames Gemälde in kraftvollen Farben. Die Frage war, ob dieses Gemälde den Skizzen endloser Projektionen in den Tagen davor standhalten würde. Aber vor dieser sorgensehnsuchtsvoll erwarteten Antwort stand das Eintauchen in den Moment.

Hipstermenschenmenge, Stadtgeräuschemusikstimmengewirr, Modebilderskulpturenprojektionengeflacker, Bewegungstreibengeschwirrgroßstadtdynamik. Und dann dieser Moment. Herzschlagentdeckenerschreckenbegegnung. Una. Mono.

Der Rausch aus Bildern, Worten, Erlebnissen, Erzählungen kam erst am zweiten Ort ihres zweiten gemeinsamen Abends langsam wieder in einen Rhythmus, dem irgendein anderer als Una und Mono selber hätte folgen können. Mittlerweile waren sie im lukullischen Epizentrum New Yorks gelandet. Das Restaurant war die Eröffnung des Monats, gesucht, gebucht wie kein zweiter Platz in der Stadt. Wie sie es an der Schlange, der Tür vorbei geschafft hatten, war nicht mit Argumenten, sondern nur mit ihrem Strahlen zu erklären, das ihnen an diesem Abend jegliche Tür geöffnet hätte. Sie waren das Paar der Paare. Also gehörte ihnen dieser Ort der Orte auf ganz natürliche Weise. Ob die Cocktails und Speisen wirklich so gut waren, wie sie ihnen schmeckten, war in gleichem Maße einerlei wie unmöglich zu entscheiden. Barkeeper, Kellner und Sommeliers schienen nur um sie zu kreisen, was wahrscheinlich ein wenig auch so war. In ihrer Welt gab es in diesen Stunden schlicht keine andere Möglichkeit.
Die Stadt hatte sich als die einzig Richtige für dieses Treffen erwiesen, sie hielt Stand und sie tat es mit Leichtigkeit. Der Abend konnte an keinem anderen Ort ausklingen als im Central Park. In manchen Momenten ist Kitsch keine Kategorie. Ein Pferdekutsche ist einfach nur eine Pferdekutsche. Und sie ist das einzig denkbare Gefährt in diesem Augenblick. So war es nun – der perfekte Moment. Bäume, Häusersilhouetten, Flaneure und Radfahrer zogen an ihnen vorbei und bildeten die Kulisse zum Wunder dieses Abends. Der Beginn einer langen gemeinsamen Reise.