Peter Diamond: Secession vom Realen

Als hätte ein Riese seinen goldenen Ball abgelegt. Obwohl eigentlich kein monumentales Gebäude war die Secession eine Landmarke und somit als Treffpunkt gut geeignet. Als sich Una allerdings über die Friedrichstraße dem Gebäude näherte, stockte sie einen Augenblick und zweifelte an der Sinnhaftigkeit ihres Vorschlags. Dort, wo sie die Treppe des Kunsthauses mit vielleicht ein paar wenigen Wartenden und Besuchern zu finden geglaubt hätte, sah sie eine enorme Menschenmasse. Sie umringte das gesamte Gebäude und drängte sich auch noch davor auf der Straße. Wie sollte sie in diesem Chaos nur Mono finden, mit dem sie verabredet war? Sie wollte schon zum Telefon greifen, um ihn anzurufen und einen anderen Ort vorzuschlagen, denn sie war etwas vor der Zeit. Früh genug, um ihren Plan noch zu ändern. Während ihrer Überlegungen war sie weiter geschlendert und hatte sich dem Komplex und der Menschenmenge genähert. Was sich nun Schritt für Schritt ihren Blicken darbot, war durchaus unerwartet. Nicht nur, dass die Menge fast wie einer Prozession gleich mit erheblicher Dynamik um das gesamte Gebäude pilgerte – auch waren ganz eigentümlich gekleidete Gestalten darunter – Hüte wurden getragen, Kleider und Fräcke. Ihre Neugierde war geweckt und Una näherte sich weiter. Auf den ersten Blick hätte es eine Hochzeitsgesellschaft sein können, bei genauerer Betrachtung aber wirkten die Figuren wie aus der Zeit gerissen und auch ihre grotesk anmutende Parade wollte keinen Sinn ergeben. Bärte, Gehröcke, Zylinder und Abendroben – ein seltsamer Reigen. Je näher Una kam, umso mehr nahm die Dichte der Eindrücke sie gefangen. Ein Murmeln, das Klackern hunderter Absätze auf dem Pflaster, Rufe, Lachen, ein Schwirren und Sirren, ein Sog ging davon aus gleich einem starken Strudel. Una war gebannt und bewegte sich schlafwandlerisch immer weiter auf die Menge hinzu. Halb zog es sie, halb schritt sie hin und ward nicht mehr gesehen.

Sein Herz raste nun schon beinahe und er war nicht sicher, was das Klopfen mehr beschleunigte – sein rastloses Laufen zwischen all diesen eigentümlich springenden und tanzenden Gestalten, das schlicht kein Stillstehen zuließ, oder die unglaublichen Bilder, die sich von Moment zu Moment verdichteten. Hatte Mono sich anfangs noch belustigt einer historischen Kostümgesellschaft anzuschließen geglaubt, so stockte ihm der Atem angesichts einiger verstörender Erscheinungen. Figuren, die ihm aus seiner Lektüre über das berühmte Fries der Secession nur zu bekannt erschienen. Manches der Gesichter war als Maske zu entlarven, bei einigen allerdings waren ernsthafte Zweifel angebracht. Und viel schlimmer: wo war Una? Das hier war definitiv der falsche Ort, um einander zu treffen. Hinaus, hinweg von hier! Aber dieser Reigen entwickelte trotz seiner dynamischen Drehbewegung keinerlei Fliehkräfte, ganz im Gegenteil, ein Entkommen war ganz und gar unmöglich. Sobald er sich von einer Figur abwendete, hakte sich eine andere unter und zog ihn zur Mitte hin. Wie Derwische tanzten sie um ihn, mit ihm oder er mit Ihnen? Mono war zu keinem klaren Gedanken mehr imstande. Unfassbar war das alles und doch nicht angsteinflößend. Es hatte etwas vollkommen Unglaubliches und erschien doch zugleich ganz natürlich. So war es nur noch eine Frage von Augenblicken, bis er in tanzender Umarmung als Teil einer merkwürdigen Versammlung in die Secession eintauchte. Hineingesogen in das seltsame Treiben, selbst Teil des Kreises dieser sagenhaften Gestalten geworden, nahm es kaum mehr Wunder, auch die Skulpturen und Bilder des Hauses sich lebhaft in die Parade einreihen zu sehen. Er taumelte, sprang und lief weiter und weiter und verschwand endgültig in der wogenden Menge.

Stille. Zum ersten Mal Stille. Und Stillstehen. Endlich – seit vollkommen unbestimmter Zeit. Wie das Erwachen aus einem Traum – nun war alles gut. Wie sie sich gefunden hatten und warum sie gemeinsam zwischen den Blättern und Blüten standen, war ganz unbedeutend. Es war ruhig, die Luft mild und das Licht weich. In ihren Köpfen noch ein leichtes Rauschen wie eben nach einem Fest mit zu lauter Musik. Ein Nachklingen des Phantastischen, das sich jedem Erzählen entzogen hätte. Zu unglaublich wäre es gewesen und selbst der eigenen Erinnerung war kaum zu trauen. Was auch immer es war – der Besuch dieses berühmten Gebäudes war auf seine Weise zur Secession vom Realen geworden.