Mariko Takagi: Una meets Mono

Una war allein unterwegs um zu vergessen und sich wieder zu finden. Das erste Mal in ihrem Leben reiste sie nach Asien, nach Hong Kong, in eine Stadt, in der sie niemanden kannte. Eine fremde Kultur mit fremden Menschen. So viele Menschen, dass sie sich sicher fühlte, in dieser Masse untergehen zu können, nicht beachtet zu werden. Um am vollsten Ort dieser Welt allein zu sein.
Ein heißer Sommertag im August, draußen zu heiß und innen zu kalt – es war voll, wie überall in dieser großen engen Stadt. Una wollte einfach nur einen Kaffee trinken und dabei lesen.
Das einzige „nette Café”, das sie nach zwei Stunden Suche finden konnte, war überfüllt. Vor dem Laden stand schon eine kleine Menschentraube. Dann muss es wohl gut sein. Sie stellte sich an und rechnete damit länger zu warten, da kam eine junge Kellnerin auf sie zu. „Okay to share?” „Yes.” Sie wollte raus aus der schwülen Hitze ins artifiziell Kühle. Una wurde ins Innere des Lokals geführt und an einen Tisch gebracht, an dem bereits ein Mann saß. Ein Westler. Das hätte sie sich auch vorher denken können… Sie bestellte.
Er erkannte sie an ihrem Akzent und sie erkannte ihn an seinem breiten Grinsen. In Hong Kong trafen sich Una und Mono zum ersten Mal.
Mono reiste allein, um sich selbst zu entdecken und um sich besser kennen zu lernen. Es war die erste Reise, die er allein antrat und er suchte sich als Reiseziel Hong Kong aus. Eine Mega-Stadt in Asien, von der er nicht viel wusste. Eine Stadt mit so vielen Menschen, in der man sich bestimmt nicht einsam fühlen kann. Hier in der exotischen Fremde hoffte er neue Begegnungen zu haben. Die größte davon sollte die Begegnung mit sich selbst sein.
Es war der letzte Tag seiner Reise. Ein heißer sonniger Tag im August. Er setzte sich in ein Kaffee, um Menschen zu beobachten. Nicht lange hatte er einen Tisch für sich allein. Da wurde eine junge westliche Frau an seinen Tisch gebracht. Die Kellnerin fragte aus reiner Formalität „Okay to share?”. „Yes.”
Er glaubte nicht an Schicksal. Doch er ließ sich gerne vom Gegenteil überzeugen. Er beobachtete nun, nicht die exotisch fremde Menschenmasse, sondern seine Tischnachbarin, deren Züge ihm vertraut und doch neu erschienen. Er wagte den ersten Schritt und sprach sie an. Er stellte sich vor.
Es war genau das, was Una befürchtet hatte. Ein interessierter Tischnachbar aus der Heimat. Zunächst antwortete sie nur auf seine Fragen. Bald merkte sie jedoch, dass jemand sich seit vielen Monaten das erste Mal für sie interessierte. Er schien ein guter Beobachter zu sein und darüber hinaus ein guter Erzähler. Mono beschrieb sein Staunen über diese surreale Großstadt. Die vielen Menschen. Das Labyrinth aus Hochhäusern, das sich dem Himmel entgegenstreckt.
Una hatte sich bisher eher außerhalb des urbanen Lebens bewegt, in der Natur. Fernab von den Shoppingmalls hatte sie die Berge erkundet, Spaziergänge am Meer gemacht und der Sonne und dem Regen getrotzt. Mono nahm Unas Wandel während des Gesprächs wahr. Während sie zunächst nur aus Höflichkeit auf seine Fragen geantwortet hatte, schien sie sich im Laufe des Gesprächs umentschieden zu haben. Sie erzählte nun lebendig von ihrem Hong Kong.
Im Gespräch erkundeten und entdeckten sie noch einmal gemeinsam die Stadt. Sie ergänzten ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen durch die Sichtweise des anderen. Die Zeit flog und sie wollten sie gerne festhalten. Die Kaffee-Zeit war vorbei und so gingen sie zusammen zum Dim Sum Restaurant. Eines dieser Restaurants, bei denen die Bestellung nur über Schriftzeichen zum Ankreuzen lief. Beide hatten sich dies noch nicht getraut. Sie kreuzten auf den Zettel ein Muster an und dachten dabei an einen Lottoschein. Zwei Schlucke Tee wurden in ihre Becher gefüllt, sobald sie nur einen nahmen. Sie befanden sich in der Stadt die niemals schweigt und so war es auch in diesem Lokal laut und hektisch. Doch an diesem Abend störte es sie nicht. Das Kantonesisch der Nachbartische war lediglich eine Geräuschkulisse ihrer Unterhaltung. Eine akustische Ortsangabe ihrer Begegnung.
Es war Monos letzter Abend in Hong Kong. Der erste Flieger kurz nach Mitternacht sollte ihn zurück nach Hause bringen. Sie verabredeten sich mit Dim Sum und Schmetterlingen im Bauch. Keine Nummern tauschten sie aus, nur einen Ort und eine Zeit vereinbarten sie für eine nächste Begegnung in einer anderen Stadt, in einer anderen Zeitzone.